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Gruscheln im Bergwerk
  Das Deutsche Museum als soziales Netzwerk
 

von Anette Lein

Das Deutsche Museum in München hat Freunde aus aller Welt. Ein in Bayern aufgewachsener und mittlerweile 60jähriger Mann mit Familie war schätzungsweise zehn bis zwanzig Mal dort. Italiener lieben es, Chinesen schauen sich davon etwas ab und Amerikaner nennen es „great“, finden es aber auch ganz schön anstrengend. Wir Mitarbeiter wissen das aus Statistiken. Die Besucher wissen voneinander nur wenig. Möglicherweise würden sie das aber gern. Der beispiellose Erfolg der Internet-Plattform Facebook, die internationale Kontakte, Netzwerke, Facebook-intern „Freunde“ genannt, als Kapitalanlage zu pflegen anbietet, kann einen auf diese Idee bringen. Gäbe es auf Facebook das „Network“ Deutsches Museum, hätte es möglicherweise schon viele Anhänger. Dasselbe gilt über das konkrete Münchner Beispiel hinaus eigentlich für die gesamte deutsche Museumslandschaft.

Einheimische, Touristen, Schulklassen.
Das Museum und seine Zweigstellen hatten im Jahr 2007 1,3 Mio. Besucher, unsere Website 1,4 Mio. Wir wissen aus Umfragen im realen Museum, dass wir treue Stammbesucher haben. Noch treten wir – außer mit den klassischen Mitteln des Museums, der Dauer- und Sonderausstellung – nicht in Dialog mit den realen und virtuellen Besuchern. Auch die fast 15.000 Mitglieder des Museums kommen im Internet nicht vor. Außer einem kleinen Gästebuch im Eingangsbereich des realen Museums gibt es kein Medium, das den Besucher einlädt, Feedback zu hinterlassen. Aus welchen Gründen und Überlegungen heraus sollten wir das ändern?

Besucher gehören zum wichtigsten Kapital des Deutschen Museums. Nicht nur, weil ihre Eintrittsgelder das Museum zu einem großen Teil finanzieren. Wer könnte heute voraussagen, welche Zukunft Kultur- und Bildungseinrichtungen haben? Eines ist klar: es geht darum, auch zukünftige Generationen von Münchnern, Touristen und Schulklassen für einen Besuch im Deutschen Museum zu gewinnen. Das Interesse an Kultur ist nicht mehr so selbstverständlich, wie es noch vor zwei Jahrzehnten war, als Konzertabo, Theatergemeinde und die Jahreskarte fürs Museum zum guten Ton gehörten. Es geht also auch darum, die künftigen Besucher anzusprechen und ihnen mit ihren Medien und in ihrer Sprache das Museum und seine Inhalte nahezubringen und zu vermitteln. Und Lust zu machen auf das Erlebnis, das ein Besuch im Museum sein kann. Könnte das am Ende niemand besser, als die Besucher selbst?

Ich heiße Horst. Wenn die Besucher selbst zu Wort kommen, will man vieles davon weder hören, noch sehen, noch lesen. Wir leben in Zeiten der Vermüllung von Sprache und Bildern. „Genialo, war heute spontan in der Ausstellung YOU_ser: das Jahrhundert des Konsumenten im phantastischen ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) zu Karlsruhe. (...) Mein Besuch galt zunächst der Verschaffung eines ersten Überblicks über die Ausstellung. Bin nicht so der ganztätig Museen Beschlendernde, ‘Kunstbetrachtung’ strengt mich bisweilen bisschen an“, schreibt Sigismondo in seinem Weblog.

Es strengt auch an, solche Texte zu lesen.
Den Besuchern ein Forum zu geben, heißt eben auch, die Hoheit aus der Hand zu geben über das, was vom Museum gezeigt und wie darüber gesprochen wird. Anders als bei Journalisten, die über das Museum schreiben, hat man es bei den Besuchern mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun was Bildung, Alter und Herkunft betrifft. Außerdem werden viele Besucher nicht unter ihrem echten Namen veröffentlichen. Doch auch hier regelt das Gesetz von Angebot und Nachfrage die Informationsflut. Digitale Kommunikation ist nur dann erfolgreich, wenn ihre Botschaft ankommt. Gibt es keinen Empfänger für die Nachricht, steht sie eben ungelesen da. Die Bewertung der Einträge durch andere Besucher ermöglicht es, dass Unfug und wenig Hilfreiches verbannt wird. Doch es ist dann auch eine Aufgabe des Museums, die Kommentare und Einträge zu redigieren. Das kann keinem Computerprogramm überlassen werden. Außerdem kann unerwünschten Inhalten mit gutem Design Einhalt geboten werden. Facebook.com ist wiederum ein gutes Beispiel für ein Layout, das unterschiedliche Medien und Inhalte klar rüberbringt.

Und wie fangen wir das an? Im Internet können wir mit Plattformen kooperieren oder auf unserer Website eine Plattform für die Besucher, Freunde und Mitarbeiter des Museums schaffen. Warum kein Weblog erstellen, in dem u.a. jemand erzählt, wie das Museum ihn durchs Leben begleitet und was beim ersten Besuch im Bergwerk wirklich geschah? Oder den Geist der vielen internationalen Besucher einfangen: wie erlebt ein Besucher aus Shanghai das Museum? Welche Exponate oder Ansichten des Museums fotografiert er? Denkbar ist auch, Besucher dazu einzuladen, ihre eigene Tour durch das Museum als podcast anderen anzubieten. Möglichkeiten gibt es viele. Wichtig ist, dass das Museum sich Know-How holt von Experten für social networking und digitale Kommunikation. Wenn das Deutsche Museum sich auf diesen Dialog einlässt, dann sollte er professionell, ansprechend und zeitgemäß geführt werden.

Aufgepasst.
Neben der vielleicht privat anmutenden und leicht konsumierbaren Bloggerei gibt es einen weiteren Aspekt der Kommunikation mit dem Besucher. Auch die Vermittlung von Wissenschaft und Technik, Kernthemen des Museums, können im Dialog mit den Besuchern fortgesetzt werden. Auch dabei kann es sein, dass das Museum seine Meinungsführerschaft abgibt. Es ist möglich, dass jemand einen Chat zum Thema Stammzellenforschung für sich einnimmt. Oder ein Besucher das erste Auto der Welt gar nicht so positiv sieht, wie wir es im Museum präsentieren. Aber genau das wollen wir auch mit den Mitteln des realen Museums erreichen: einen mündigen Besucher, der sich seine eigene Meinung bildet und diese vertreten kann. Bildung und Sprache, darum geht es im Deutschen Museum schon seit 105 Jahren. Und damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir das social networking, so wie es dem Museum entspricht, gestalten und nicht den kommerziellen Anbietern überlassen.

Wird das nicht seicht und niveaulos? fragt der kritische Wissenschaftler. Nein, sagt die Internetredakteurin, es wird die Besucher, Freunde, Förderer und Mitarbeiter des Museums in Kontakt bringen. Wer hat nun Recht: der Kritiker oder die Befürworterin?

Autorin Anette Lein möchte Ihre Überlegungen gerne mit uns teilen. Was denken Internet-Profis und gute Netzwerkerinnen darüber, wie Kulturinstitutionen ihre Internetseiten in Bezug auf social networking optimieren können?

Feedback an: a.lein (at) deutsches-museum.de


 
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Annette Lein
ist seit April 2007 Internetredakteurin und Konzeptentwicklerin am Deutschen Museum. Sie ist „Internet-Neuling“, hat Literaturwissenschaft studiert und war lange Jahre Werbeleiterin am Deutschen Museum und anderen Kulturinstitutionen.

a.lein (at) deutsches-museum.de
www.deutsches-museum.de